Entschleunigung – Wie fremde Kulturen helfen, unser Leben zu entschleunigen

 

Bild: Malina Opitz

Bild: Malina Opitz

Wir haben die Ungeduld kultiviert: Wir essen aus der Mikrowelle, fahren ICE, hetzen von Termin zu Termin. Ein durchschnittlicher Hollywood-Film hat heute doppelt so viele Einstellungen wir noch vor 30 Jahren. Arbeiter werden nach Stunden bezahlt, Rechtsanwälte nach Minuten, die Werbung verkauft sich nach Sekunden. Und aus der Wanduhr tropft die Zeit. Eine SMS hat 160 Anschläge, getwittert wird mit 140 Zeichen. Der Tag ist lang und vergeht doch wie im Flug. Wenn wir schließlich entspannen wollen, ziehen wir die Laufschuhe an und rennen, rennen, rennen. Es ist  nicht Geld, was die Welt regiert. Es ist nicht Macht. Es ist die Zeit.

Das war nicht immer so. Wir haben Maschinen entwickelt, um Zeit zu sparen und fühlen uns seitdem gehetzt. Als die Eisenbahn erfunden wurde, hieß es noch: „Jetzt liegt die Ostsee vor Paris!“ Die Freude war groß und hielt nicht lange an. Doch was ist Zeit überhaupt? Zeit ist ein Hirn-Konstrukt, welches sich abhängig von der Kultur entwickelt. In Deutschland haben wir als Kinder oft den Satz gehört: „Trödel nicht so! Zeit ist Geld“, ein Kind auf den Straßen Madrids wächst dagegen eher mit dem Spruch auf: „Eilst Du, erreichst Du als erstes das Grab.“ Das Zeitkonzept einer Kultur hängt noch von weiteren Kriterien ab. Vom Klima zum Beispiel: Nach dem US-amerikanischen Psychologen Robert Levine gehören Mexiko, Brasilien und Indonesien zu den „langsamsten Völkern“ der Welt – Sie alle liegen in der Tropenzone. Wissenschaftler vermuten, dass in diesen Regionen auch die innere Uhr langsamer tickt. Neben dem Klima hat auch die Einwohnerzahl Einfluss. Dabei gilt: Je größer die Stadt, desto schneller ihr Leben. Levine schreibt in seinem Buch „Eine Landkarte der Zeit“, dass ein Großstadtkind doppelt so schnell durch den Supermarkt läuft, wie ein Kleinstadtkind, welches wesentlich länger mit den Angestellten interagiert und sich ausführlicher mit den Produkten beschäftigt.

Was also tun? Wir brauchen echte Entschleunigung. Erleben wir Zeit wieder wie ein Kind! Und zwar im Hier und Jetzt! Da ist der Bagger, da ist die Schaufel, da ist die Mama, die zum Essen ruft… Die Pirahã im brasilianischen Urwald haben sich dieses kindliche Zeitkonzept bewahrt. Bei ihnen zählt ausschließlich das unmittelbare Erleben. Sie legen keine Vorräte an, machen sich keine Gedanken über die Zukunft. Und auch die ferne Vergangenheit ist dem Urvolk fremd. Die Pirahã sprechen nur über Dinge, die sie selbst oder ein Angehöriger erlebt haben. Ihr Leben ist weder beschleunigt noch entschleunigt. In der Forschung gelten die Pirahã als eines der glücklichsten Völker der Erde. Das Hier und Jetzt ist ihr Schlüssel. Wir können von vielen Völkern lernen, Ruhe zu bewahren und zu schätzen: Auf Bali gibt es beispielsweise die Gummizeit („jam kerat“). Dort heißt es: „Der Bus kommt vier Stunden Gummizeit“, also plus/minus vier Stunden. Und auch auf Cuba ist es nicht unüblich, einen halben Tag lang auf den Bus zu warten. Den Leuten vor Ort macht das nichts aus, denn sie bewerten Wartezeit anders als wir. Lasst uns Wartezeiten genießen! Der Bus hat fünfzehn Minuten Verspätung? Gut! Dann nutzen wir die viertel Stunde und konzentrieren wir uns nur auf den Atem. Oder auf die Umwelt: Das Grün der Blätter, das Rascheln einer Plastiktüte, der Geruch von Mohnbrötchen aus dem Bäckerladen. Schulen wir unsere Aufmerksamkeit!

Laut einer Feldstudie verbringt der Durchschnittsamerikaner fünf Jahre mit Schlangestehen, sechs Monate mit Warten vor roten Ampeln und zwei Jahre mit dem Versuch, Telefonanrufe zu beantworten. Das alles wäre unproblematisch, gäbe es eine positive Bewertung dieser als tot empfundenen Zeit. Hier könnten wir auch von China und seinem Zeitkonzept lernen. „Eine Unze Gold kann nicht eine Minute aufwiegen“, sagen die Chinesen. Wie auch bei den Nachfahren der Mayas, den Quiché in Guatemala, geht es dem Volk um die Qualität der Zeit. Denn wer die Stille zu schätzen weiß, für den ist sie keine vergeudete Zeit mehr. Entschleunigung wird zur Kraftquelle: In Asien hat das Nichtstun eine wertvolle, produktive und kreative Kraft. In Japan gibt es sogar ein Wort dafür: „Ma“, was übersetzt „Voll von Nichts“ bedeutet. Schön, nicht? Und was bedeutet das für uns? Entschleunigung, aber bitte dalli! Und fangen wir an das Nichtstun zu genießen! Los, lasst uns Routinen aufbrechen und betont langsam laufen, wenn wir es gerade eilig haben! Oder rückwärts! Tun wir was oder tun wir nichts. Aber mit Genuss.

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