„How to use your brain“ – Nachruf für Autorin und Trainerin Vera F. Birkenbihl


Foto: privat

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Achtung, die Lektüre dieses Textes „könnte zu einer dramatischen Verbesserung ihrer Gedächtnisleistung führen!“, warnte Sachbuchautorin und Trainerin Vera F. Birkenbihl zu Anfang ihres Bestsellers „Stroh im Kopf“. Und sie behielt Recht: Ich persönlich konnte mir schon sehr bald Namen und Daten besser merken und wurde „vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer.“ Ich verstand nun auch, weshalb ich im Geschichtsunterricht früher Bestnoten schrieb, mich aber heute an nichts mehr erinnern kann. Das Buch verkaufte sich 700.000 mal; es ging wohl noch anderen Lesern wie mir.

ERKENNTNIS 1: Es gibt kein schlechtes Gedächtnis, nur ein schlecht genutztes.
ERKENNTNIS 2: Die Art, wie uns Wissen vermittelt wird, ist entscheidend.

Schon seit 1969 tüftelte die gebürtige Münchnerin an Lerntechniken auf Basis der Hirnforschung. Ihre „Gebrauchsanweisung fürs Gehirn“ sollte es Menschen schon bald möglich machen, spielerisch Wissen zu erwerben, zu erweitern und zu vertiefen. Ihr Ansatz war so einleuchtend wie einfach: Kinder würden sich schließlich „auch nicht auf den Arsch setzen, ein Lehrbuch hervorholen und pauken“, sagte mir die Autorin 2009 in einem Interview.

ERKENNTNIS 3: WISSEN IST WIE EIN SPINNENNETZ

Einer ihrer Leitsprüche war: „Es gibt keine trockene Theorie – nur trockene Theoretiker“ und so machte sie sich daran, komplexeste Sachverhalte – von der Quantenphysik („Von Null Ahnung zu Etwas Quantenphysik) bis zur Kultur Chinas („Was Sie unbedingt über China/Asien wissen müssen“) – gehirn-gerecht aufzubereiten. Persönliches Wissen ist dabei wie ein Spinnennetz zu verstehen, das gefüttert werden muss. Denn neue Stränge, neue Eroberungen entsprechen neuem Wissen. Jeder frische Faden wird mit mindestens einem schon bestehenden Faden verknüpft, besser mit mehreren. Ein bislang unbekanntes Lerngebiet, wie zum Beispiel eine Fremdsprache, kann nicht ohne weiteres ans Netz angegliedert werden, weil die Bindungspunkte fehlen. Es braucht also zunächst Hilfsfäden (Eselsbrücken), um das neue Wissensfeld ins Netz zu integrieren.

Die philippinische Hauptstadt „Manila“ konnte ich mir in der Schule von Anfang an sehr gut merken, denn sie klingt wie mein Name „Malina“. Hawaiis Hauptstadt „Honolulu“ klang für mich nach „Honig“, die Stadt „Skopje“ (Mazedonien) nach meinem Sternzeichen „Skorpion“ und „Minsk“ (Weißrussland) wie „Minze“, die ich auch sehr mag. So habe ich Eselsbrücken zu meinem persönlichen Wissensnetz geschlagen und meine Geografie-Lehrerin war begeistert. Leider wussten die wenigsten meiner Mitschüler, das Eselsbrücken wirklich helfen… Müsste nicht eben das in den Schulen vermittelt werden? Das Lernen lernen?

Bild: www.sxc.hu

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ERKENNTNIS 4: PAUKEN GEHÖRT VERBOTEN!

Bekannt wurde Vera F. Birkenbihl, als sie Mitte der 80er Jahre ihre eigene Methode des Sprachenlernens vorstellte, die ohne das Pauken von Vokabeln und Grammatik auskommt. Bis zu 80 Prozent der Lernarbeit wird dabei an das Unterbewusstsein delegiert. Wie das geht? Es wird gemalt und gekritzelt, passiv zugehört und imitiert wie ein Kind, dass sich schier mühelos seine Muttersprache aneignet. Dialoge werden bei der Birkenbihl-Methode wortwörtlich in die Muttersprache übersetzt. „Sir, open the door please!“ heißt dann also „Herr, öffnen die Tür bitte!“ und nicht wie im Deutschen grammatikalisch richtig: „Herr, öffnen Sie bitte die Tür!“ Dadurch gewöhnt sich das Gehirn unterbewusst an den sprachwissenschaftlichen Aufbau der Fremdsprache. Redewendungen und Vokabeln bleiben hängen, weil man sich mit jedem einzelnen Dialog intensiv befasst, ihn aufmalt, aktiv anhört, passiv anhört und schließlich mitspricht. Ich habe auf diese Weise Spanisch gelernt, es hat Spaß gemacht und vor allem: Es hat funktioniert!

ERKENNTNIS 5: ICH FRAGE MICH ZUM ERFOLG!

Vera F. Birkenbihl hat sich nicht nur mit schneller Wissensvermittlung, sondern auch mit den Unterschieden von Männern und Frauen beschäftigt (sehr unterhaltsam), mit „pragmatischer Esoterik“ (orientiert an Thorwald Dethlefsen) und mit gesunder Kommunikation. In „Fragen Sie sich zum Erfolg. Der direkte Weg zum Verhandlungspartner“, einer dreiteiligen CD-Serie, geht es beispielsweise um die Kunst des guten Zuhörens und richtigen Fragens.

Auf CD 1 habe ich begriffen, dass Frage-Techniken weit stärker sind als Sage-Techniken, auch weil ich meinem Gegenüber damit auf der Inhaltsebene Interesse zolle und auf der Beziehungsebene Respekt. Ich habe auch festgestellt, dass sich mein Verhandlungsgeschick umso mehr verschlechtert, desto wichtiger mir ein Thema ist. Denn mit der persönlichen Bedeutung steigt die eigene Emotionalität und Befangenheit. Wenn ich dann merke, dass ich meinem Ziel, den Anderen zu überzeugen, nicht näher komme, werde ich traurig / aggressiv / missgelaunt. Kein Wunder! Eine solche Diskussion rüttelt Stresshormone wach und mit ihnen kommen die Denkblockaden und Irrationalitäten. Die Folge: Ich höre weniger zu, stelle weniger Fragen, mache mehr Aussagen, führe kleine Monologe. Wissenschaftler würden jetzt sagen, dass ich mich im „Psychologischen Nebel“ befinde und nicht mehr viel fehlt, um mein Reptiliengehirn zu aktivieren. Der Rapport zum Gegenüber ist längst flöten gegangen und das Ziel der Kommunikation löst sich in Luft auf… Die Lösung: Besinnen, Zeit lassen und immer wieder klar machen: „Wer fragt, der führt.“ Mal sehen, welche Erkenntnisse sich hinter CD 2 und CD 3 noch verbergen und mich zum Staunen zu bringen…

Danke, Vera!

 


Vera F. Birkenbihl studierte Psychologie und Journalismus in den USA und arbeitete seit 1972 als Managementtrainerin und Sachbuchautorin. Ihr bekanntestes Buch
„Stroh im Kopf? Vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer“ erscheint bereits in der 50. Auflage und wurde 700.000 mal verkauft. Die Gesamtauflage ihrer deutschsprachigen Veröffentlichungen liegt bei mehr als zwei Millionen. Neben ihrer SendungKopfspiele (22 Folgen) war sie auch als Expertin in der SendereiheAlpha – Sichtweisen für das dritte Jahrtausend zu sehen.

2008 wurde die gebürtige Münchnerin und Leiterin des „Instituts für gehirngerechtes Arbeiten“ in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen; 2010 gewann sie den Coaching-Award. Einen Eindruck von ihrer Persönlichkeit – von ihrem Asperger-Leiden bis zu ihrer Reiseunlust – gewährt das 2008 geführtes Interview mit dem Heft „managerSeminare“. Vera F. Birkenbihl starb am 3. Dezember 2011 im Alter von 65 Jahren.