Magische Orte: Wie sie uns anziehen und verändern

Bild: Malina Opitz

Bild: Malina Opitz

Wir pilgern ohne Unterlass, mal getrieben von Sehnsucht, mal beflügelt von Sinnhaftigkeit. Denn der Mensch ist homo viator – ein Wegegeher, ein ewig Reisender. Von A nach B, von hier nach dort, von gestern nach morgen und übermorgen. Von Frühling bis Herbst, vom ersten Kuss zur ersten Liebe, von der Geburt bis in den Tod. Was lenkt uns? Was treibt uns an? Vielleicht ist es die Hoffnung, dass hinter der nächsten Kirche, hinter der nächsten Kuppe oder hinter dem nächsten Horizont etwas noch Größeres wartet, als wir es kennen, etwas das uns erfüllt, das Sinn stiftet. 300.000.000 Menschen buchen jedes Jahr eine Reise aus religiösen Motiven, das entspricht der Einwohnerzahl der USA. Für die Gläubigen geht es ins indische Allahabad, entlang des Jakobweges oder zum Berg Kailash oder, oder, oder… Es existieren so viele magische Orte, wie es Wünsche entlang der Wege dorthin gibt. Die Einen suchen das Göttliche auf Erden, die Nächsten hoffen auf Glück, die Anderen auf Genesung, Nähe, Liebe.

Auf was hoffen Sie? Welcher magische Ort könnte zu Ihnen passen?

Auf Wunder: Altötting
Altötting in Oberbayern gehört zu den sechs wichtigsten Marienwallfahrsorten Europas und ist der meistbesuchte Pilgerort Deutschlands. Eine Million Menschen kommen jedes Jahr, jeder Zehnte zu Fuß. Auch die Päpste Pius VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI., der in der Nähe geboren ist, waren da. Ziel der Gläubigen ist der Besuch der „Schwarzen Madonna“ in der Gnadenkapelle. Der Legende nach hat sich dort 1489 folgendes Wunder ereignet: Ein Dreijähriger war in den Fluss gefallen, von der Strömung mitgetragen und tot aufgefunden. Die Mutter brachte den leblosen Körper des Kindes in die Kapelle, legte ihn auf den Altar und begann mit anderen Gläubigen zu beten. Nach kurzer Zeit kehrte der Junge ins Leben zurück. 

Auf Kraft: Jakobsweg
Hatten sich im Jahr 1970 gerade mal 68 Personen für den Jakobsweg angemeldet, waren es 2007 bereits 114.026 offizielle Pilger. Inzwischen liegen die Deutschen hinter den Spaniern auf dem zweiten Platz, nicht zu letzt wegen des Bestsellers „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling. Der Jakobsweg, der seit 1993 zum UNESCO-Welterbe gehört, bezeichnet heute in erster Linie den Camino Francés, die hochmittelalterliche Hauptverkehrsachse, die von den Pyrenäen über die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela führt. Die Kathedrale der Stadt (oben im Bild) ist Ziel der meisten Pilger. Einige reisen noch bis Fisterra weiter. Aufnahme in der dortigen Pilgerherberge erhalten nur diejenigen, die zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad die Strecke von Santiago nach Fisterra zurückgelegt haben – der Bus zählt nicht. Was sich Pilger auf ihrer Wanderung erhoffen? Einige Klarheit, einige Reinigung, einige Spiritualität. „Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Und er baut dich wieder auf. Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück“, schreibt Kerkeling.

Auf Erleuchtung: Kailash
Es ist die höchste Pilgerstrecke weltweit, 6714 Meter über dem Meer, 53 Kilometer lang. Die Umrundung des magischen Berges Kailash ist für tibetische Buddhisten, Hinduisten, Jainisten und Bön die wichtigste Pilgerreise. Nach der 13. Umrundung bekommt der Pilger Zutritt zur inneren Kora. Wenn ein Buddhist es schafft den Kailash, der als Zentrum eines von der Natur geschaffenen Mandalas gilt, 108-mal zu umkreisen, blüht ihm unmittelbare Erleuchtung. Für die Hinduisten ist er der König der Berge, der Mittelpunkt des Universums und Sitz des Gottes Shiva. Er sei nicht aus Stein, sondern im Osten aus Kristall, im Süden aus Saphir, im Westen aus Rubin und im Norden aus Gold. Wer im Jainismus den Berg umkreist hat, gewinnt innere Erleuchtung. Besonders verdienstvoll ist es, wenn der Gläubige die Strecke durch ständiges Aufstehen und Niederwerfen mit dem eigenen Körper ausmisst. Die Anhänger der Bön-Religion halten den Kailash für den Mittelpunkt des heiligen Landes Zhang Zhung; über ihn stieg der Religionsstifter auf die Erde herab.

Auf Gottvertrauen: Klagemauer
48 Meter lang, 18 Meter hoch – Die Klagemauer, oft nur westliche Mauer oder Kotel genannt, ist eine der wichtigsten Bet-Stätten für Juden und ein Symbol für den bestehenden Bund zu Gott. Oft werden Gebetszettel in die Ritzen und Spalten der magischen Mauer gesteckt, zur Bekräftigung der Wünsche und des Glaubens. Die Rabbiner sammeln die Notizen regelmäßig ein und begraben sie ordnungsgemäß, um Platz für neue zu schaffen.

Auf Unsterblichkeit: Kumbh Mela
Kumbh Mela ist die größte Wallfahrt der Welt, sogar vom Mond aus könne man das Treiben beobachten. Im Jahr 2007 kamen 33 Millionen Menschen, 2001 sollen es gar 90 Millionen gewesen sein. Das „Fest des Kruges“ rotiert in den vier Städten Haridwar, Allahabad, Ujjain und Nashik, das nächste findet im Jahr 2013 in Allahabad statt. Die Kumbh Mela, die im 7. Jahrhundert erstmals schriftlich erwähnt wurde, dient dazu, im Ganges ein Bad der Unsterblichkeit zu nehmen und sich von allen Sünden zu befreien. Ganz ungefährlich ist das allerdings nicht: 72.000 Kolibakterien pro 100 Milliliter wurden im Ganges bei Varanasi gemessen – In Indien liegt der zulässige Höchstwert bei 500 Bakterien pro 100 Milliliter. 

Auf Gesundheit: Lourdes
Lourdes in Südwestfrankreich nahe der spanischen Grenze ist der beliebteste christliche Pilgerort weltweit. Die Zahlen sprechen für sich: 5 Millionen Pilger, 10 Millionen Liter Heilwasser und 750 Tonnen Kerzen pro Jahr. Ein Bad in der magischen Quelle von Lourdes soll Krankheiten, Verletzungen und Altersbeschwerden verschwinden lassen. 67 von 7000 angeblichen Heilungen sind von der Kirche inzwischen offiziell als Wunder anerkannt, darunter Krankheitsfälle von Multipler Sklerose, Tuberkulose und Knochenkrebs.