Wer kontrolliert deine Gedanken?

Vor kurzem erhielt ich von einem sehr bekannten Trainer, ein guter Freund von mir, eine sehr besorgte eMail. Sie war gut geschrieben, wohl durchdacht und sehr lange… Die Botschaft unterm Strich lautete: „Die Welt, wie wir sie heute kennen, geht unter. Das Finanzsystem wird kollabieren, das Energienetz ausfallen und wir in die Steinzeit zurück katapultiert werden. Besorg dir Vorräte!“ Auch wenn diese Darstellung selten heftig war, auch du hast schon einmal solche oder ähnliche Gedanken gehegt, nicht wahr? Die Angst vor dem Kollaps wird immer präsenter in Zeiten der wirtschaftlichen Unruhe und die Frage, wie wir der eigenen Unsicherheit vor der Zukunft begegnen, eine immer relevantere.Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch sein eigenes Glaubenssystem hat – das darf er auch gerne behalten. Meine Meta-Ideologie, die sich aus vielen Chunks unzähliger Quellen zusammensetzt, ist immerhin auch nicht jedermanns Sache. Ist ja nicht so, dass du dich einer neuen Bekanntschaft vorstellst mit: „Hallo, ich heiße Ben, bin gebürtiger Wiener und übrigens befasse ich mich in letzter Zeit vermehrt mit der informationstechnologischen Vernetzung der esoterischen morgphogenetischen Felder und der modernen Wissenschaft der Reinkarnation und Zwischenleben.“
Eines zeigt mir die besorgte eMail meines Freundes aber auf, und sie war rein positiv in ihrer Intention: Die Angst vor dem Kontrollverlust ist präsenter denn je zuvor. Wir sehen uns heute einer tatsächlichen Informationsflut gegenüber, die kein Mensch bewältigen kann. Wenn ich daran denke, dass meine Mutter mir früher, ganz im Sinne des Zen-Buddhismus, geraten hat, kein Multi-Tasking zu betreiben, so finden wir uns heute doch einem Zeitalter des Multi-Tasking wider. Und zu der Überlastung unses Bewusstseins kommt ein kritischer Faktor hinzu: Die Abhängigkeit von der Informationstechnologie. Mal ehrlich: Wenn du diesen Blog liest bist du mit einer Wahrscheinlichkeit von 90% auf Facebook vertreten, mit 30% auf Twitter und eMails oder SMS benutzt du täglich.

Worauf verzichten?

Wenn ich dich frage, ob du auf Atomkraft, Chemie, Auto oder Tiefkühllasagne verzichten müsstest, würdest du wahrscheinlich antworten: „Ja, klar. Wenn es unbedingt sein muss auch auf die Lasagne…“. Aber Computer? Ältere Semester, die wie ich noch ohne Pc oder Handy groß geworden sind, verschmerzen das vielleicht noch. Aber meine kleine Schwester? Sie kann sich ein Leben ohne 24/7 Vernetzung nicht mehr vorstellen. Dass Telefone früher Drehscheiben hatten, um damit zu wählen, ist absolut unvorstellbar.
Ohne Computer ist die Welt wie wir sie heute kennen, nicht mehr möglich. Doch sie verlangt von uns mehr, als unser Gehirn zu geben möglich ist. Die absolute Vigilanz, eine dauerhafte Konzentration, in dem Bewusstsein, dass jederzeit Information verfügbar ist und auf Konsumation wartet. Das Problem ist jedoch nicht mehr der Abruf, sondern die Selektion und Bewertung der Wichtigkeit. Dazu kommt, dass wir von negativen Botschaften überschwemmt werden. Oder stand in deiner Tageszeitung schon einmal als Titelthema: „Nichts passiert, alles gut!“ Natürlich nicht. Wie Dieter Nuhr schon so schön formulierte: Es scheint, als hätten wir das Glücklichsein den Irren und den Volksmusikanten überlassen.

Die Informationsfresser

Der amerikanische Psychologe George Miller ordnete den Menschen in Anlehnung an das lat. Wort für Fleischfresser neu zu: Informavores. Die Informationsfresser – und lass es mich überspitzt ausdrücken: die Informationssüchtler. Schon mal dabei ertappt, dass du immer wieder eine eMails checkst und enttäuscht bist, wenn nichts neues im Posteingang ist? Wenn du dir eine Woche ohne Internet gerade noch vorstellen kannst, aber selbst im wohlverdienten Urlaub, obwohl du relaxen, in der Sonne brutzeln, lecker essen oder was auch immer tun könntest lieber im klimatisierten Innenraum sitzt mit Zugang ins WWW – und auch noch dafür ZAHLST? Keine Sorge, du bist nicht allein. Die Angst, mit der neuesten Information nicht mehr Schritt halten zu können, ist in den westlichen Ländern omnipräsent. Und jetzt die entscheidende Frage: Welchen Nutzen ziehst du wirklich daraus, die Statusmeldungen deiner Freunde bei Facebook zu lesen, anstatt dich mit ihnen auf einen leckeren Café zu treffen? Ok, es wäre ein einseitiges Gespräch, wenn dein Gegenüber alle 5 Minuten eine SMS beantwortet oder ein eMail verschickt.
Es wird Zeit für ein Umdenken, ein integratives Neu-Be-Denken dessen, was unser Gehirn programmiert. Tony Robbins‘ Mentor brachte es auf den Punkt: „Du musst 24 Stunden am Tag vor den Toren deines Geistes Wache stehen.“ Erst durch die Möglichkeit, dich frei zu entscheiden, welche Information du an dich heran lässt und welche nicht, ist der Begriff „Kontrolle“ wieder greifbar. Die Vorbereitung auf den globalen Kollaps ist mir dann doch ein wenig zu abgehoben – aber die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Wer hat Einfluss auf meine Gedanken?“ ist in meiner Wahrnehmung essentiell.
Der renommierte Neurowissenschaftler Wolfgang Prinz bestätigt: „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.“ Das ist der Grund, warum ich Klienten, die mit der Frage zu mir kommen, wie sie wieder lernen los zu lassen, das Leben zu genießen, einfach mal abzuschalten, nicht empfehle, ewig lange darüber nachzudenken. Je mehr du dich mit der Frage nach dem „Warum geht es mir schlecht?“ beschäftigst, desto schärfer ist dein Fokus auf „schlecht“ gerichtet. Wenn du dich schon damit beschäftigen willst, dann frage dich lieber jeden Abend vor dem Einschlafen: „Was an meinem heutigen Tag war so richtig GUT?“

Und wenn du loslassen lernen willst, dann hör auf meinen Ratschlag: Geh Fallschirmspringen, geh 5km laufen, oder fahr eine Runde Achterbahn. Gib deinem Körper die Möglichkeit, dich mit Adrenalin und Dopamin zu belohnen dafür, dass du draußen in der Welt Spaß hast – und deinen PC abschaltest, anstatt dein Leben!